Sunday, November 3, 2013

Naturkundemuseum

Staunende Kinderaugen können die Größe dieser Geschöpfe kaum ermessen. Sitzt der Kopf an diesem Leiterhals in den Wolken? Speit er Feuer und Rauch? Wer wagte es die Knochen zu stehlen, wer brachte die sagenhaften Lungenfische an Land und steckte sie in viel zu enge Gläser, wo sie nun zusammengestaucht und bleich verharren. Wir schleichen um die Vitrine, zählen vier Beine. Unheimlich glimmern die Gläser, wie Eingemachtes, aufgequollene Leiber, allesamt Wasserleichen. Dabei waren es mal Fische, nun seltsam ertrunken im eigenen Saft. Lebende Tote in diesem Riesenbau. Klug und lebendig die Augen eines prächtigen Löwen, hier ohne Savannengras. Aus Gras ist nur sein Bauch, die Nähte sind noch sichtbar beim Tapir nebenan, an manchen Stellen quillt Stroh aus den Flanken. Hat dieser Schimpanse mit den gutmütigen Augen gelebt? Mit welchen Augen hat er seine Jäger angeblickt? Die Kinder gruselts schaurig schön, sie fragen ehrfürchtig. War diese Riesenkröte lebendig? Und ahnen den Tod im Leben und den Zauber der ewigen Verwandlung. Im Märchen wird aus dem Menschen ein Stein, so ist es mit dem Tiger hier geschehen, seine Augen haben nicht die Weisheit des Königs der Savannen, nur Wildheit, rohe Gewalt sticht aus gelben Augen, man möchte nachts nicht allein sein in diesem Museum.

U7

Am Sonntagmorgen klebt der Fußboden der U7 von Alkohol, Speichel, Rotz und Curryketchup. Wer in den Metroschächten die Wände berührt, kriegt die Krätze. Kind fass das nicht an! Schieb den Kinderwagen vorsichtig, schau weg wenn jemand den Straßenfeger verkauft. Roma Kinder klettern die Haltestangen hoch. Schultergepolsterte Dame mit linealscharfer Frisur hätte lieber ein Taxi nehmen sollen. Zwei Penner fachsimpeln über die knochigen Windhunde einer Sportlerin, Taubstumme führen wilde Gespräche. Jungs wollen lässig sein auf Polnisch, Arbeiter mit bissigem Humor auf Russisch. Der Gelbgesichtige im übergroßen Mantel vom letzten Jahr (er trug ihn auch den Sommer über) wird mit der Zeit zusehends schwächer. Vor einem Jahr noch predigte er den Fahrgästen Menschlichkeit, heute starrt er nur vor sich hin, hängt in seinen Krücken. Wer will, kann sein geschwollenes Bein ansehen. Wie lange, meinst du, wird er noch U7 fahren? Wilmersdorfer Straße warten die Dealer mit schmutzigen Rucksäcken, abgegriffenen Plastiktüten, manche sammeln auch Flaschen. Abgerissene Gestalten steigen zu, diskutieren aufgeregt und hastig, jeder weiß worum es geht. Schmutzstarre Jeans und rote Hände neben aufgebügelten Büro-Kostümen und angestrengter Seriosität. In Kreuzberg wird es voll, man spricht Englisch, Spanisch, sieht interessante Frisuren und Vintage Klamotten, schöne bunte Gesichter. Jeder mit einem Kopf voller Träume und mindestens einem Projekt in der Tasche. Wenn die Stadt sie lässt, haben sie Großes vor an diesem Ort, in den schon bald der Winter zieht.