Staunende
Kinderaugen können die Größe dieser Geschöpfe kaum ermessen. Sitzt der Kopf an
diesem Leiterhals in den Wolken? Speit er Feuer und Rauch? Wer wagte es die
Knochen zu stehlen, wer brachte die sagenhaften Lungenfische an Land und
steckte sie in viel zu enge Gläser, wo sie nun zusammengestaucht und bleich
verharren. Wir schleichen um die Vitrine, zählen vier Beine. Unheimlich
glimmern die Gläser, wie Eingemachtes, aufgequollene Leiber, allesamt
Wasserleichen. Dabei waren es mal Fische, nun seltsam ertrunken im eigenen
Saft. Lebende Tote in diesem Riesenbau. Klug und lebendig die Augen eines prächtigen
Löwen, hier ohne Savannengras. Aus Gras ist nur sein Bauch, die Nähte sind noch
sichtbar beim Tapir nebenan, an manchen Stellen quillt Stroh aus den Flanken. Hat
dieser Schimpanse mit den gutmütigen Augen gelebt? Mit welchen Augen hat er
seine Jäger angeblickt? Die Kinder gruselts schaurig schön, sie fragen
ehrfürchtig. War diese Riesenkröte lebendig? Und ahnen den Tod im Leben und den
Zauber der ewigen Verwandlung. Im Märchen wird aus dem Menschen ein Stein, so
ist es mit dem Tiger hier geschehen, seine Augen haben nicht die Weisheit des Königs
der Savannen, nur Wildheit, rohe Gewalt sticht aus gelben Augen, man möchte nachts
nicht allein sein in diesem Museum.
Sunday, November 3, 2013
U7
Am
Sonntagmorgen klebt der Fußboden der U7 von Alkohol, Speichel, Rotz und
Curryketchup. Wer in den Metroschächten die Wände berührt, kriegt die Krätze. Kind
fass das nicht an! Schieb den Kinderwagen vorsichtig, schau weg wenn jemand den
Straßenfeger verkauft. Roma Kinder klettern die Haltestangen hoch. Schultergepolsterte
Dame mit linealscharfer Frisur hätte lieber ein Taxi nehmen sollen. Zwei Penner
fachsimpeln über die knochigen Windhunde einer Sportlerin, Taubstumme führen wilde
Gespräche. Jungs wollen lässig sein auf Polnisch, Arbeiter mit bissigem Humor
auf Russisch. Der Gelbgesichtige im übergroßen Mantel vom letzten Jahr (er trug
ihn auch den Sommer über) wird mit der Zeit zusehends schwächer. Vor einem Jahr
noch predigte er den Fahrgästen Menschlichkeit, heute starrt er nur vor sich
hin, hängt in seinen Krücken. Wer will, kann sein geschwollenes Bein ansehen. Wie
lange, meinst du, wird er noch U7 fahren? Wilmersdorfer Straße warten die
Dealer mit schmutzigen Rucksäcken, abgegriffenen Plastiktüten, manche sammeln
auch Flaschen. Abgerissene Gestalten steigen zu, diskutieren aufgeregt und
hastig, jeder weiß worum es geht. Schmutzstarre Jeans und rote Hände neben
aufgebügelten Büro-Kostümen und angestrengter Seriosität. In Kreuzberg wird es
voll, man spricht Englisch, Spanisch, sieht interessante Frisuren und Vintage
Klamotten, schöne bunte Gesichter. Jeder mit einem Kopf voller Träume und
mindestens einem Projekt in der Tasche. Wenn die Stadt sie lässt, haben sie
Großes vor an diesem Ort, in den schon bald der Winter zieht.
Subscribe to:
Posts (Atom)