Sunday, November 3, 2013

U7

Am Sonntagmorgen klebt der Fußboden der U7 von Alkohol, Speichel, Rotz und Curryketchup. Wer in den Metroschächten die Wände berührt, kriegt die Krätze. Kind fass das nicht an! Schieb den Kinderwagen vorsichtig, schau weg wenn jemand den Straßenfeger verkauft. Roma Kinder klettern die Haltestangen hoch. Schultergepolsterte Dame mit linealscharfer Frisur hätte lieber ein Taxi nehmen sollen. Zwei Penner fachsimpeln über die knochigen Windhunde einer Sportlerin, Taubstumme führen wilde Gespräche. Jungs wollen lässig sein auf Polnisch, Arbeiter mit bissigem Humor auf Russisch. Der Gelbgesichtige im übergroßen Mantel vom letzten Jahr (er trug ihn auch den Sommer über) wird mit der Zeit zusehends schwächer. Vor einem Jahr noch predigte er den Fahrgästen Menschlichkeit, heute starrt er nur vor sich hin, hängt in seinen Krücken. Wer will, kann sein geschwollenes Bein ansehen. Wie lange, meinst du, wird er noch U7 fahren? Wilmersdorfer Straße warten die Dealer mit schmutzigen Rucksäcken, abgegriffenen Plastiktüten, manche sammeln auch Flaschen. Abgerissene Gestalten steigen zu, diskutieren aufgeregt und hastig, jeder weiß worum es geht. Schmutzstarre Jeans und rote Hände neben aufgebügelten Büro-Kostümen und angestrengter Seriosität. In Kreuzberg wird es voll, man spricht Englisch, Spanisch, sieht interessante Frisuren und Vintage Klamotten, schöne bunte Gesichter. Jeder mit einem Kopf voller Träume und mindestens einem Projekt in der Tasche. Wenn die Stadt sie lässt, haben sie Großes vor an diesem Ort, in den schon bald der Winter zieht.

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